Nico Zorn
Online Marketing Manager

Google - versteckter Spion?


Es war ein Tag wie viele andere: Regen auf den Wupperbergen; keine Sonne in Sicht. Überfüllte Schwebebahn. Straßen? Verstopft. Das heißt: Es war ein Tag wie viele andere, bis SIE in mein Büro kam. „Sie müssen mir helfen“ sagte sie nur. „Ja, wer sind sie denn und was ist das Problem?“ „Genau das!“


Was habe ich getan?

Ich starrte sie für einige Momente an. Etwa 1,60m groß, schwarze Haare, ziemlich durchschnittliche Klamotten. Irgendwo zwischen 25 und 30 Jahren. Verletzungen? Keine offensichtlichen, aber die Dame wirkte ziemlich aufgelöst. „Genau das?“ murmelte ich, bevor es klickte: „Sie … wissen also nicht, wer Sie sind?“

„Ja, genau!“ nickte die Dame.

Ich zögerte. „Und an Ihnen wurde ein Verbrechen verübt?“

Sie riss die Augen auf: „WAS? … Äh, nein. Ich denke nicht. Glaube nicht.“ Dann nach einem Moment der Stille: „Hoffe nicht…?“

Ich blinzelte: „Na gut, setzen sie sich doch erstmal. Und jetzt erzählen Sie.“ Das tat sie dann auch. Die kurze Version? Sie erinnerte sich an nichts, hatte keinen Ausweis dabei und bis auf diese seltsame Gedächtnislücke ging es ihr eigentlich gut. „Wie wäre es, wenn sie einfach abwarten – manchmal gibt sich das von selbst. Und wäre sonst nicht ein Arzt die bessere Anlaufstelle.“

Ihre Haare flogen wild, als sie den Kopf schüttelte: „Keinen Arzt!“

„Und warum nicht?“

Sie zuckte nur mit den Schultern. „Weil… ich weiß auch nicht. Aber kein Arzt.“

„Na gut, und wie Sie mich bezahlen können, wissen Sie natürlich auch nicht.“

Sie lächelte nur.

„Sei’s drum. Ist ja nicht so, als ob ich viel zu tun hätte.“ Außerdem war das Konto leer und mein Tee ohnehin so gut wie aufgebraucht. Das übliche halt. „Haben Sie denn irgendwas bei sich, das helfen könnte?“

Sie legte ein Smartphone auf den Tisch. Ich starrte nur. „Nicht gesperrt“, sagte sie. Ich starrte weiter. Gab es denn – neben einem Ausweis – eine bessere Möglichkeit, Informationen über jemanden zu bekommen?

„Und wenn es nicht meins ist?“ entgegnete sie, als ich es schließlich aussprach. Dieser Einwurf wäre vielleicht nicht ganz unberechtigt gewesen, wenn nicht offensichtlich einige Bilder von ihr auf dem Gerät gewesen wären. „Könnte ja jemand anders gemacht haben“, meinte sie nur.


Das Smartphone

Das Smartphone sah ziemlich neu aus. Fast, als ob die junge Dame gerade bei Saturn gewesen wäre, ein paar Fotos geschossen und sich dabei geblitzdingst hätte. Ich öffnete einfach mal einen Browser – man muss ja nicht gleich in den intimsten Dateien schnüffeln.

„Oh!“ entfuhr es mir. Hier konnten wir weiterkommen, denn trotz des neuen Eindrucks musste das Gerät schon länger in Betrieb sein. Die Suchhistorie war gelöscht, aber der Browser war in einem Google Account eingeloggt. Das ging ja schnell! Jane Doe, Geburtstag 01.01.1901 … ähm, nun ja, vielleicht doch nicht so schnell. Auch ein Blick auf die Kontoeinstellungen war eher ernüchtern: das meiste war gelöscht. Da war wohl jemand wirklich paranoid mit seinen Daten. Wurde meine Klientin verfolgt.


Was habe ich gemacht?

„Na gut“, murmelte ich und wandte mich etwas esoterischeren Daten zu. Nur ein verwendetes Gerät - das hielt ich gerade in der Hand und daher half dies auch nicht weiter. Die Standardsprache eingestellt auf Deutsch. Auch kein brauchbarer Hinweis. Einstellungen für personalisierte Werbung? Ja klar: die Dame war demnach 120 Jahre alt und männlich, aber Interessen waren nicht gelistet.

Tägliche Suchaktivität

Endlich wurde ich fündig: Das Suchverhalten wurde aufgezeichnet! Anscheinend war das hier ein Wochenend-Handy: Montag bis Donnerstag war die Aktivität nahe 0. Freitagabend stieg sie dann an und flaute am späten Sonntag ab. Krasser Gegensatz zu meinem eigenen Gerät. Kam die Dame also von außerhalb?

„Was machen Sie da eigentlich?“ schaltete sie sich in diesen Gedankengang ein. Ich hatte ja auch schon einige Zeit herumgeklickt.

„Ich schaue mir an, was Google über Sie weiß. Heute wird fast alles im Hinblick auf Internetnutzung überwacht und diese Daten kann ich sogar aufrufen; sofern sie nicht gelöscht sind. Es sieht für mich so aus, als ob Sie Ihr Handy nur am Wochenende benutzen. Waren Sie vielleicht in Clubs unterwegs und benutzen es nur, um sich mit Freunden abzusprechen?“

„Ich weiß nicht!“ Sie zögerte. „Aber irgendwas war da … irgendwelche anderen Leute.“

Monatliche Suchaktivität
Ich stöberte weiter. Was immer die Dame mit ihrem Smartphone anstellte: Sie schien ganz unterschiedlich aktiv zu sein, aber ganzjährig. Konnten die Suchanfragen einen Hinweis geben? Die eigenen durchgeführten Suchen kann man nämlich auch sehen – allerdings nur, wenn man diese Einstellung aktiviert hat. Das hatte meine Klientin natürlich nicht. Wäre ja auch zu einfach.

Wo war ich?

Route durch Hamburg
Hier kam ich nicht weiter. Zeit, sich anderen Berichten zuzuwenden. Ich selbst war kürzlich in Hamburg - Leiche auf der Reeperbahn. Alkoholleiche – denn leben tat sie noch, wenn auch gut konserviert; aber das ist eine andere Geschichte. Mich interessierte ja schließlich, wo meine Kundin war, also ihre Location History.

Und das war dann doch ein wenig erhellend. Jedes Wochenende war sie in Wuppertal, wie ich schon vermutete. Und jedes Wochenende zeichnete Google sauber auf, wo sie war: ein Tag im Zoo mit Komplettrundgang; anscheinend eine komplette Rundfahrt mit der Schwebebahn; viel hier und da rund ums Luisenviertel und die Elberfelder Innenstadt. Das könnte ich später noch genauer ansehen. Vielleicht finde ich so sogar das Hotel. Erstmal interessierte mich aber etwas anderes:

„Haben Sie eine Idee, was Sie auf dem Friedhof gesucht haben könnten?“

„Ewige Ruhe?“ erwiderte sie sarkastisch.

Route durch Unterbarmen
„Unwahrscheinlich … Selbstmord begeht man eher an anderen Orten. Und offensichtlich leben Sie noch. Depressiv wirken Sie auch nicht gerade. Sagt Ihnen netzkern etwas?“ Sie verneinte. „Winkelsträter Fabrik“? Sie verneinte erneut. „Anstehender Umzug? Historisches Interesse? Textilindustrie? Barmer Bänder? Litzen? …“ ratterte ich einige Stichworte runter. Leider sprang sie auf keines an.

„Tja, was können Sie dann dort gewollt haben?“ Ich blätterte ein wenig. Leider gab es keine Bilder von diesem Trip, der sich vom Rest klar abhob. Viele finden das eine gute Idee: automatische Standort-Aufzeichnung und dann die Bilder gleich passend zuordnen. Ich beschwere mich nicht: Macht mir die Arbeit leichter, der Polizei auch. Ob man das jetzt wirklich aufgezeichnet haben möchte, ist eine andere Sache: Einerseits klasse, um Bilder z. B. per Instagram zu teilen; andererseits auch ein wenig beängstigend. Aber wen interessiert so etwas schon im Normalfall? Und wenn Verbrecher sich mal wieder bei ihren Taten gefilmt haben, hat die Welt wenigstens etwas zu lachen.


Eine unerwartete Wendung

„Hier bist du!“, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ein junger Mann hatte die Tür geöffnet und umarmte die junge Dame stürmisch. Ich beobachtete skeptisch, denn sie schien eher verwirrt. „Sie kennen die Frau?“

„Natürlich! Das ist Steffi, eine gute Freundin aus Stuttgart. Stefanie Hartman.“

Ich schilderte ihm kurz, weshalb die Frau hier war, aber auch Felix (so stellte er sich vor, Felix Beck; einen Ausweis hatte er auch).

„Tja“, meinte er abschließend. „Eigentlich wollte ich Sie gerade beauftragen, Steffi zu finden. Das hat sich dann wohl erledigt. (Zufälle gibt’s!) Aber was passiert ist, da habe ich nicht die leiseste Idee. Ich habe sie das letzte Mal am Freitagabend gesehen und eigentlich wollten wir uns schon Samstag treffen. Die Sache mit dem Arzt kann ich aber erklären: Steffi hat extreme Latrophobie, also Angst vor Ärzten.“

„Das scheint mir aber trotzdem der nächste Schritt zu sein.“

Der junge Mann nickte, aber in Steffis Blick machte sich leichte Panik breit. Es gelang uns dennoch, sie zu beruhigen und schließlich davon zu überzeugen, zum Arzt zu gehen.

Wie es weiterging? Was dabei herauskam? Nun der Arztbesuch fand statt. Steffi hatte anscheinend irgendetwas zu sich genommen, dass diese Reaktion auslöste. Falsches Essen – unwahrscheinlich; Drogen – nicht ganz so unwahrscheinlich. Aber hatte sie diese freiwillig genommen, aus Versehen oder wurde sie gezwungen? Das habe ich nie herausbekommen, denn der Fall wurde an die Polizei übergeben. Nach einigen Tagen kam ihr Gedächtnis zurück – mit einer Lücke von zwei Tagen. Ob ich jemals herausfinde, was geschah? Das jedenfalls hat Google nicht aufgezeichnet.

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