Komplexität und Zufall - Ein Interview mit Vince Ebert


In Zeiten von Big Data entsteht der Eindruck, wir wären nur noch einen winzigen Schritt von der kompletten Berechenbarkeit unseres Lebens entfernt. Wir sprachen mit dem Wissenschafts-Kabarettisten Vince Ebert über unsere planungsfixierte Gesellschaft und die Bedeutung des Faktors Zufall in unserer komplexen Welt.

Vince Ebert 

In Ihrem aktuellen Buch erklären Sie die enorme Bedeutung des Zufalls im Leben. Ein kühnes Thema in Zeiten, in denen wir alles messen, individualisieren und voraussagen wollen.

Richtig, die ganze Big-Data-Orakelei führt meiner Meinung nach auch in eine Sackgasse. Wer planbare Sicherheit sucht, kann sich nur etwas vorgaukeln, um glücklich zu werden. Denn der Zufall gehört zu unserem Leben dazu. Schon die Kombination des Erbmaterials unserer Eltern ist vollkommen willkürlich. Da vereinigen sich 23 zufällig zusammengewürfelte männliche Chromosomen mit 23 beliebig ausgewählten weiblichen Chromosomen. Statistisch gesehen können also aus der DNA der Eltern 223 verschiedene Kinder hervorgehen. Das sind etwa 70 Billionen Möglichkeiten. Aber eine von diesen 70 Billionen Möglichkeiten sind genau Sie! Ein unfassbarer Zufall, oder? Neun Monate und 47 Zellteilungen nach der Vereinigung ist ein kleiner, menschlicher Organismus mit etwa zehn Billionen Köperzellen entstanden.

Die Zellteilung ist übrigens ein Prozess, den die Wissenschaft erst in Ansätzen versteht: Den Zellen wird nämlich wie von Geisterhand ein unterschiedliches Schicksal zuteil. Die einen werden zu Augen-, Nieren- oder Hirnzellen, aus den anderen entwickeln sich Muskel- oder Blutzellen usw. Insgesamt haben wir rund 200 verschiedene Zellarten. Niemand sagt ihnen, wie sie sich verhalten sollen. Es geschieht einfach. Das war’s aber noch nicht. Damit wir am Leben bleiben, müssen sich die meisten unserer Zellen permanent erneuern. So bekommen wir beispielsweise alle vier bis fünf Tage eine neue Darminnenwand frei Haus geliefert. Auch Haut-, Blut- und Leberzellen bilden sich in regelmäßigen Abständen neu. Unser gesamtes Knochenskelett wird etwa alle zehn Jahre komplett erneuert. Nur die Gehirn- und die Bindegewebszellen unserer Haut schleppen wir bis zu unserem Ende mit uns herum. Ergo: Wir Menschen basieren komplett auf Komplexität und Zufall.

Aber auch im Big Picture unserer Entstehungsgeschichte herrschen Komplexität und Zufall: Unser Sonnensystem ist nur eines von etwa 180 Milliarden anderen innerhalb unserer Milchstraße. Die Tatsache, dass sich in dieser Milchstraße ein Planet gebildet hat, auf dem es Wasser, Sauerstoff und sogar so etwas Spektakuläres wie Leben gibt, war wiederum ein nahezu unglaublicher Zufall.

Einen großen Anteil daran hat unsere Sonne. Sie versorgt uns seit ungefähr 4,5 Milliarden Jahren zuverlässig mit Energie. Wie jeder andere Stern wandelt sie durch komplizierte Kernfusionsprozesse Masse in Energie um. Sie wird dadurch pro Sekunde um vier Millionen Tonnen leichter. JEDE SEKUNDE! Und dennoch hat sie seit 4,5 Milliarden Jahren nicht wesentlich abgenommen. Wäre unsere Sonne nur ein klein wenig größer, hätte auf der Erde überhaupt kein Leben entstehen können, weil es unser Sonnensystem gar nicht mehr geben würde. Unterm Strich ist unser Leben per se schon sehr, sehr zufällig.

Wir sind also nicht unseres Glückes Schmied?

Selbstverständlich ist es sinnvoll, sich anzustrengen, zu planen, kreativ und offen für Neues zu sein – aber all das ist eben noch keine Garantie für Erfolg. Oft spielt der Zufall die maßgebliche Rolle. Denken Sie mal zurück, wie Sie Ihren Partner/ Ihre Partnerin kennengelernt haben. Oder wie Sie zu Ihrem ersten oder ersten richtigen Job gekommen sind. Oder warum Sie da wohnen, wo Sie wohnen. Oder warum gerade diese Menschen Ihre besten Freunde sind. War das alles von Ihnen so geplant und genau so gewollt?

Heute geben laut einer Allensbach-Umfrage 87 Prozent der deutschen Schulabgänger an, das Wichtigste sei ein Beruf, der ihnen Spaß mache. Glück, Zufriedenheit und Selbstverwirklichung stehen bei immer mehr Berufsgruppen ganz oben auf der beruflichen Wunschliste. Doch genau da fängt das Drama an. Wie will ich im Voraus wissen, ob mich eine Tätigkeit erfüllt oder nicht? Oder ob mich eine andere Tätigkeit eventuell glücklicher machen würde? Abgesehen davon sind Werte wie „Zufriedenheit“ und „Glück“ nur schwer messbar.

Ich erkläre das gerne am Beispiel eines Odenwälder Bauern aus dem Mittelalter und einem Frankfurter Investmentbanker von heute: Der Bauer lebte mit Frau und fünf Kindern in einer kargen Holzhütte mit angeschlossenem Viehstall. Der Börsenhändler lebt in seinem luxuriösen Penthouse, sieht seine Frau und den Sohn auf dem Schweizer Internat aber nur selten. Wer ist nun glücklicher? Die Wissenschaft gibt eine klare Antwort: Denn Glück entsteht im Gehirn. Dort werden Serotonin, Dopamin und Endorphine, sogenannte Neurotransmitter, ausgeschüttet, und die sorgen für positive Gefühle. Das Einzige, was unser Gehirn glücklich und zufrieden macht, ist dieser Glückshormonspiegel. Unser Hirn hat nicht den leisesten Schimmer, dass eine Couch-Landschaft von Rolf Benz bequemer ist als eine selbst gezimmerte Eichenbank. Es interessiert sich ausschließlich dafür, ob gerade Serotonin, Dopamin und Endorphine durch seine Neuronen strömen. So einfach ist das.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Das soll kein romantisches Plädoyer für ein armseliges Leben in der Einöde inmitten stinkender Schweineställe sein. Aber solange man es als sinnvoll erachtet, belohnt uns die Hirnchemie mit Glücksgefühlen. Im Vergleich dazu kann ein Leben in Luxus und Überfluss eine schreckliche Qual sein, wenn wir in ihm keinen Sinn sehen oder wenn es uns überfordert. Aus 84 Sorten Joghurt im Regal den richtigen auszuwählen kann ebenso eine Last sein, wie der Bestellprozess bei Starbucks. Einfach einen Kaffee bekommen Sie da nicht.

Ok, aber nur durch Zufall entstehen doch keine Erfolgsstorys wie aktuell von Apple oder Tesla. Auch Sie sind doch nicht einfach so zum erfolgreichen Kabarettisten geworden. Dahinter steckt doch schon eine Vision gepaart mit der Fähigkeit, diese umzusetzen.

In der Rückschau erscheinen uns viele erfolgreiche Entwicklungen in sich logisch, strategisch geplant und absehbar. Aber eben nur in der Rückschau. Hätten Sie vor 30 Jahren auf Apple gewettet? Oder nicht müde abgewinkt, wenn jemand vor zehn Jahren prophezeit hätte: „Ihr werdet einmal in schicke Designerläden gehen und dort kleine Aludöschen mit Kaffeepulver für 3,50 Euro kaufen!“ Wir hätten doch alle gesagt: Was für eine beknackte Idee! Und trotzdem machen wir es heute.

Wollen wir vorausschauen und die Zukunft orakeln, helfen auch keine noch so guten Visionen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien verdoppeln sich je nach Fachgebiet alle 10 bis 20 Jahre. Diese Dynamik macht es unmöglich, die Zukunft weiter als ein Jahrzehnt vorherzusagen. Wenn man überhaupt etwas mit Gewissheit über die Zukunft sagen kann, dann nur, dass sie uns überraschen wird. Wir fliegen heute nicht mit Rucksackraketen durch die Lüfte, essen keine Astronautennahrung und haben kein Mittel gegen Krebs. Dafür haben wir das Internet, keine Mauer mehr und eine Pille, die bei ihrer Einnahme eine Erektion verursacht. Seien Sie mal ehrlich, wer braucht da schon Rucksackraketen? Die Zukunft wird üblicherweise entweder komplett über- oder unterschätzt. Genauso ist das mit Prognosen zu aktuellen Entwicklungen wie Big Data.

Warum gibt es denn immer wieder Prognosen, wenn diese häufig nicht zutreffen?

Die Antwort ist banal: Wir Menschen mögen keine Unsicherheiten und beschäftigen uns viel mit der Zukunft. Schon beim Aufwachen, unter der Dusche und bei der Fahrt zur Arbeit: Zukunft! Wie voll wird die A9 sein? Wird es regnen? Sehe ich die süße Blonde aus der Buchhaltung wieder in der Cafeteria? Wird mich der Chef auf die Zahlen fürs nächste Quartal ansprechen? Wir suchen dafür Antworten und möchten Gewissheit. Auch dann, wenn es eine falsche Sicherheit ist. Aus diesem Grund belohnen wir lieber Fehlprognosen, die mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen werden. „Kein Problem, die Renten sind sicher!“, „Nee, nee, um die Jahreszeit brauchst du da nie und nimmer Schneeketten!“, „Bei dem Flughafen sind wir exakt im Zeitplan!“

Noch kniffliger wird es, wenn es um vielschichtige, weltumspannende Fragen und Erklärungen geht. Löst China die USA als Weltmacht ab? Zerstört der Handywahn unsere Gesellschaft? Die einzige sinnvolle Antwort auf diese Fragen lautet: WIR WISSEN ES NICHT!

Es gibt unter Historikern zahlreiche unterschiedliche Erklärungsmodelle, was genau den Ersten Weltkrieg ausgelöst haben könnte. Ökonomen streiten immer noch darüber, welche Ursachen tatsächlich zur Finanzkrise 2008 führten. Und dabei handelt es sich um Ereignisse, die bereits eingetreten sind. Wie hilflos sind wir erst bei der Beurteilung von Dingen, die in der Zukunft liegen?

Big Data und Predictive Analytics greifen also nicht?

Big Data mag unser Leben mehr und mehr beeinflussen. Im Guten wie im Schlechten. Doch der Mensch ist eben nur zu einem gewissen Teil berechenbar. Rationalität wird massiv überschätzt.

Vor einiger Zeit wollte ich mir eine neue Jeans kaufen. Kein große Sache, dachte ich, und betrat einen kleinen, trendigen Laden in der Frankfurter Innenstadt. Da ich mit Abstand der älteste und damit womöglich der kaufkräftigste Kunde im Laden war, witterte der flippige Verkäufer ein gutes Geschäft, legte mir freudestrahlend eine Hose auf den Tresen und sagte: „Diese Jeans ist etwas ganz Besonderes! Es gibt sie weltweit nur 200 Mal. Darf ich dir etwas über diese Hose erzählen?“ Schon legte er los: „Diese Hose wird in einem traditionellen Verfahren in Japan auf alten Levis-Maschinen genäht, sie ist ungewaschen und sollte auch nicht gewaschen werden. Dadurch bekommt sie nach ein paar Monaten eine ganz charakteristische Patina.“ „Und wenn sie anfängt zu müffeln?“, fragte ich vorsichtig. „Na, dann legst du sie einfach über Nacht ins Eisfach, das tötet die Bakterien. 215 Euro, und wir sind im Geschäft!“ „Moment mal, junger Mann“, stutzte ich, „ich fasse das jetzt mal zusammen: Sie wollen mir eine Jeans für 215 Euro verkaufen, die von japanischen Fischern auf so alten Maschinen zusammengeschustert wurde, dass man anscheinend nur 200 Stück davon herstellen kann, die Dreck ansetzt, weil man sie nicht waschen darf, und für die man eine Gefriertruhe braucht, um den Geruch loszuwerden? – Ich bin dabei!“ Ja, ich habe dieses limitierte Designerteil tatsächlich gekauft.

Was unsere Wünsche und Vorlieben angeht, sind wir eben nur zum Teil berechenbar. Der emotionale Steinzeitmensch in uns ist viel mächtiger, als wir glauben. Deswegen ist Content Marketing und Storytelling auch so wirkungsvoll. Gute Gefühle sind das Einzige, hinter dem wir in Wahrheit her sind. Und die sind nicht vollständig berechenbar. Bei den meisten unserer Ansichten pfeifen wir auf Fakten, wir glauben einfach. Wir glauben vornehmlich das, was emotional ist und sich gut anfühlt. Deswegen sind wir auch so anfällig für Versprechungen: schnelle Heilung, schnelles Geld, todsichere Karrierestrategien, Blitz-Diäten.

Und der zunehmende Einsatz von leistungsfähigen Computern löst dieses Dilemma erst recht nicht. Ganz im Gegenteil. Was werden wir in Zukunft mit Personen tun, bei denen ein Computer errechnet, dass sie mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen Terroranschlag verüben werden? Ist es moralisch vertretbar, wenn unsere Krankenversicherung die Tarife individuell gestaltet und sich dabei an einer Gesundheits-App orientiert, die detailliert unseren Lebenswandel überwacht? Sollte ein abstrakt errechneter Scoring-Wert darüber entscheiden, ob ein junges, ehrgeiziges Start-up-Unternehmen einen Kredit erhält?

Ein letztes Wort zum Schluss …

Vom Urknall angefangen bis hin zum letzten verglühten Stern existiert nur ein winzig kleines Zeitfenster von einem Milliardstel Milliardstel Milliardstel Milliardstel Milliardstel Prozent, in dem so etwas wunderbar Zufälliges wie Leben möglich ist. Und diese Zeit ist genau JETZT!

Deswegen: Wenn wir schon mal da sind, lassen Sie uns wenigstens etwas Vernünftiges daraus machen … Fragen stellen beispielsweise und querdenken. Bereichert mich mein Job?, könnte so eine Frage lauten. Oder auch: Wäre die Welt eine gerechtere, wenn alle gleich viel hätten? Welche Prinzipien würde ich für den zehnfachen Monatslohn über den Haufen werfen? Stellen Sie sich eine gute Frage, und sie wird Sie an spannende Orte bringen.


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VINCE EBERT

Jahrgang 1968, studierte Physik in Würzburg. Nach dem Studium arbeitete er bei McKinsey und in der Marktforschung, bevor er 1998 seine Karriere als Kabarettist und Autor begann. Er ist bekannt aus zahlreichen TV-Sendungen und hat mehrere Bestseller veröffentlicht. Mehr über den Autor und alle Tourtermine erfahren Sie unter: >> www.vince-ebert.de

Unberechenbar - Buch von Vince Ebert

Sein neues Buch: Unberechenbar: Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen

 

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