Sven Hary - netzkern AG
Agile Coach

Der Scrum Master - ein Technical Lead?


Disclaimer: Der Lesefreundlichkeit geschuldet, benutze ich den Ausdruck "Der Scrum Master" – natürlich sind damit auch weibliche Scrum Master gemeint. :)

Anfang September war ich auf der überaus empfehlenswerten Konferenz Tools4AgileTeams, die aus den beiden Teilen "Open Space & Agile Games" sowie einem klassischen Konferenztag mit vielen Vorträgen besteht. Ich war zum ersten Mal dabei und meine Angst, dass es eventuell eine Verkaufsveranstaltung für Atlassian-Tools wird, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet: es gab viele gute Vorträge (ja, auch die "Wir-haben-das-beste-Add-On-für-dein-Atlassian-Produkt"-Vorträge, aber nur wenige) und vor allem waren viele erfahrene "Agilisten" mit unterschiedlichsten Hintergründen da.
Selten hatte ich so viele gute Gespräche, die mich wirklich weitergebracht haben. Danke dafür!

Scrum Master 

Eine Diskussion im Rahmen des Open Space am ersten Tag hat mich sehr interssiert: Ein Scrum-Master wollte wissen, ob und wie wir in unseren Firmen Scrum Master ausbilden bzw. auf welche Skills wir bei der Einstellung achten. Spannendes Thema. Die Beiträge reichten von "Entwickler werden zu Scrum Mastern" bis zu "Egal, was er fachlich kann, er soll mit Menschen umgehen können".

Es war eine offene und hilfreiche Diskussion, vor allem darüber, was wir überhaupt von uns und unseren Scrum Mastern erwarten. Natürlich sollen sie empathisch sein, am besten schon ein Standing in der Organisation haben, damit sie ernst genommen werden und damit ihre Rolle als wichtig angesehen wird. Etwas Entwickler-Background kann auch nicht schaden, aber dann kam für mich der Beitrag des Tages:

"Scrum Master müssen bei uns sehr gute Entwickler sein, sonst werden sie vom Team nicht akzeptiert und können das Team auch nicht weiterbringen."

Der hat gesessen! Unglaublich! Ich dachte, ich bin im falschen Film. Damit hätte ich nie gerechnet, denn für mich ist die Sache eigentlich ganz klar: Ein Scrum Master kann von Team zu Team und von Projekt zu Projekt wechseln (von Software-Entwicklung über IT-Service-Teams hin zu einer Forschungsabteilung für Haushaltskleingeräte) und muss nichts oder nur sehr wenig von dem verstehen, was entwickelt wird.

Es gab dann eine Diskussion darüber, ob ein Scrum Master fachlich zu den Besten gehören muss, oder nicht. Oder vielleicht nur bei unerfahrenen Teams? Oder ...?
Ich habe versucht herauszufinden, warum man davon ausgehen kann, dass ein Scrum Master ein Technical Lead sein muss:

Der Scrum Master als Technical Lead #fail #trojanischesPferd

Die Teams hatten offensichtlich Probleme, gute technische Lösungen zu liefern und sich fachlich gut zu entwickeln. Die Lösung in dieser Firma scheint zu sein: wir packen einen Scrum Master in ein Team und schleusen gleichzeitig einen Architekten/Technischen Leiter/Senior Entwickler in ein Team, der die technischen Lösungen vorgibt und das Team schult. Damit haben wir einen, der Verantwortung übernehmen kann, der die Entwickler weiterbringt und wir können uns auf andere Probleme konzentrieren.

Das halte ich für kontra-produktiv und völlig an der Idee eines Scrum Masters vorbeigedacht. Bevor ich das begründe, noch einmal schnell in den Scrum Guide geschaut:

Scrum Master - wie ist die Rolle gedacht?

Scrum Guide 2016, Schwaber und Sutherland:
The Scrum Master is responsible for ensuring Scrum is understood and enacted. Scrum Masters do this by ensuring that the Scrum Team adheres to Scrum theory, practices, and rules.
The Scrum Master is a servant-leader for the Scrum Team. The Scrum Master helps those outside the Scrum Team understand which of their interactions with the Scrum Team are helpful and which aren’t. The Scrum Master helps everyone change these interactions to maximize the value created by the Scrum Team.

Der Scrum Master hilft also dem Team, das Scrum Framework einzuhalten, beseitig Dinge, die das Team vom produktiven Arbeiten abhalten und hält das Team von äußeren Einflüssen fern. Darüber hinaus schult er den Product Owner, wie der mit Hilfe eines guten Backlogs ein Wert-orientiertes Produkt erstellt. Natürlich versucht er auch nebenbei Scrum in der Organisation bekannt zu machen und zu etablieren. (mehr Notizen zu den Aufgaben eines Scrum Masters am Ende des Artikels)

Wo ist das Problem eines Scrum Masters als "Technical Lead"?

Oben spreche ich von einem "Trojanischen Pferd", wenn der Scrum Master eine technisch leitende Position einnimmt.
Warum?
Die betreffende Firma setzt ganz offensichtlich Scrum ein und hat ihre Teams entsprechend organisiert. So weit, so gut. Doch was passiert, wenn aus der Person eines eigentlich "dienenden Leiters", einem Coach, in Wirklichkeit ein tonangebender Entwickler wird?

Die Idee eines selbstorganisierenden und selbstständigen Teams wird ad absurdum geführt. Der Scrum Master bekommt nämlich Gewicht in einer Disziplin, die ihn eigentlich nicht angehen sollte. Team-Mitglieder müssen sich gar nicht selbst darum kümmern, dass sie gute Lösungen finden und sich gegenseitig weiterbringen. Der Scrum Master bekommt eine gewichtige Position; Diskussionen über Prozesse (=Scrum) und wertbringende Lösungen (=wie entwicklen wir was) verschwimmen. So wird nie ein High-Performance-Team entstehen können!

Wir bei netzkern haben gerade die Rolle eines technischen Leiters in den Projekt-Teams genau aus diesem Grund abgeschafft. Unsere ersten Erfahrungen damit sind sehr positiv – auch wenn es natürlich nicht reibungslos geht, dass plötzlich "alle" die Verantwortung tragen.

Der Scrum Master muss das Framework und Menschen kennen, nicht die Tools

Grundsätzlich muss ein Scrum Master in einem Software-Projekt weder die benutzte Programmiersprache noch die eingesetzten Tools des Teams kennen, um ein guter Coach zu sein. Denn Scrum ist es egal, in welchem Umfeld es eingesetzt wird und was für ein Produkt entwickelt wird. Der Prozess ist der gleiche und auch die Probleme in verschiedenen Projekten sind ähnlich. Natürlich ist es hilfreich, wenn ein Scrum Master grundlegend etwas von Software-Entwicklung oder Produkt-Entwicklung versteht, damit er sich leichter in die Entwickler hineinversetzen kann und bei Bedarf gezielt die richtigen Fragen stellen kann, die das Team weiterbringt.

Aber auch das ist immer ähnlich: Projekte/Produkte werden von Menschen realisiert, die ähnliche Probleme miteinander haben. Ein Scrum Master sollte ein positives Menschenbild haben und empathisch sein, um aus einer Gruppe von Menschen echte Teams zu formen. Für mich ist klar: als Scrum Master mit Entwicklerhintergrund, aber ohne Fachwissen in den Programmiersprachen der von mir derzeit gecoachten Teams, kann ich eine klare Linie ziehen, die mir und dem Team hilft: "Ihr seid die Experten, was die Entwicklung angeht; ich bin der Experte, was das Framework angeht."

Dadurch kann ich mich besser aus Dingen raushalten, die mich nichts angehen und gleichzeitig als Coach auftreten, der dem Team hilft dort besser zu werden, wo es nötig ist: das Scrum Framework zu verinnerlichen und Methoden zu finden, die die Entwickler immer bessere Lösungen liefern lassen.

Darum soll es doch gehen: (aus dem Scrum Guide) "[...] das Teams in die Lage versetzt werden, produktiv und kreativ Produkte mit dem höchstmöglichen Wert auszuliefern. "

Und genau das ist die Aufgabe des Scrum Masters, die Teams in eben diese Lage zu versetzen: produktiv und kreativ Produkte auszuliefern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. ;)  

Mehr zu dem Thema:





Aufgaben eines Scrum Masters

Dies ist eine lose Sammlung von Aufgaben/Eigenschaften, die ein Scrum Master ausmachen. Sie erhebt keinen Anspruch auch Vollständigkeit und kann gerne ergänzt werden. Schreibt einfach einen Kommentar :)

• sorgt dafür, dass der Scrum-Prozess eingehalten wird
• hilft den Teams, sich selbst zu organisieren
• hilft empirische Daten zu sammeln und zu interpretieren
• weiß, wann er sich zurückhalten und das Team alleine lassen muss
• beschützt das Team vor Störungen von außen und versteht sich als Puffer zwischen dem Team und den Stakeholdern
• beseitigt Impediments für das Team
• ist NICHT ein Chef oder weisungsbefugt
• versucht der Anwalt des Teams zu sein
• verbreitet den agilen Gedanken im Unternehmen
• ist nicht die Scrum-Polizei!
• schult das Wert-getriebene Entwickeln

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