Sven Hary - netzkern AG
Agile Coach

Längst überfällig: Erweiterung des Scrum Guides um Werte


Drei Jahre nach der letzten Anpassung des Scrum Guides haben die „Erfinder“ von Scrum, Ken Schwaber und Jeff Sutherland, eine auf den ersten Blick einfache Ergänzung vorgenommen: Die 5 Werte, die Scrum zugrunde liegen, die Scrum Values.

Dies sind im Einzelnen:

  • Commitment (Selbstverpflichtung)
  • Courage (Mut)
  • Focus (Schwerpunkte setzen)
  • Openness (Transparenz)
  • Respect (Respekt)

Die Werte von Scrum (Scrum Values) 


1. Commitment

Bei Scrum verpflichten sich die Teammitglieder, sich persönlich für das Team-Ziel einzusetzen (ja, das Team-Ziel steht über den persönlichen Zielen) und die von ihnen selbst ausgewählten Aufgaben innerhalb eines kurzen Zeitraums (Sprints) auch wirklich erfolgreich umzusetzen. Kein Projektmanager oder Team-Leiter gibt vor, was zu tun ist: Nur das Team verhandelt mit dem Product Owner den Umfang eines Sprints und „committed“ sich, diesen zu liefern.

2. Courage

Scrum ermutigt die Team-Mitglieder dazu, schwierige Sachen zuerst und gemeinsam anzugehen und mit Hilfe des Scrum-Masters dafür zu sorgen, dass sie in einem Arbeitsumfeld arbeiten, das sie besser werden lässt.

3. Focus

Scrum setzt bewusst Schwerpunkte auf wenige Themen, die bearbeitet werden. Das sorgt dafür, dass das Team sich gemeinsam auf ein oder wenige Themen konzentriert und dadurch das Wissen im Team stark verteilt ist. Beispiel Sprint-Ziel: Ein Sprint-Ziel ist nicht, eine Liste von X Aufgaben innerhalb eines bestimmten Zeitraums abzuarbeiten, sondern eine oder (in Ausnahmefällen) zwei neue Funktionalitäten oder Verbesserungen an einem Produkt vorzunehmen. Jeder Sprint hat sein spezielles Thema und das Team wird vor äußeren Einflüssen geschützt. Während des Sprints ist der Sprint-Umfang „heilig“, damit das Team konzentriert und fokussiert bleibt.

4. Openness

Scrum macht den Fortschritt in einem Projekt hochgradig sichtbar. Tägliche Status-Updates (u.a. Daily, Sprint-Burndown) ermöglichen ein schnelles Reagieren auf Probleme. Was durch Entwickler am Anfang häufig als Kontrolle empfunden wird (dazu sind die Metriken nicht gedacht), stellt sich später als hilfreiches Tool zur Verbesserung der Arbeit heraus. Denn Scrum macht die Probleme von allen Seiten transparent - auch fehlerhafte oder unvollständige Anforderungen des Product Owners werden schneller sichtbar, als in herkömmlichen konzeptgetriebenen Projekten. Endlich ist nicht immer nur das Team für verpasste Deadlines verantwortlich.

5. Respect

Scrum versucht, dass alle Beteiligten in einem Projekt sich mit Offenheit und Respekt begegnen: „Jeder hat Stärken und Fähigkeiten, die dazu beitragen können unser Ziel zu erreichen“.


Zusammenfassung

Gebündelt heißt das, dass sich die Menschen persönlich dem Sprint-Ziel verpflichten, den Mut haben das Richtige zu tun und Herausforderungen anzugehen. (Dies auch mit der Gefahr, Fehler zu begehen. Meiner Meinung nach fehlt das Fördern einer Fehlerkultur bei den Scrum Werten).

Jeder soll sich auf das Sprint-Ziel und die Ziele des Teams fokussieren und diese über seine persönlichen Ziele stellen.

Alle Beteiligten (das Scrum Team und alle Stakeholder) vereinbaren offen zu sein mit allem, was die Arbeit und Herausforderungen betrifft.

Die Menschen im Scrum Team respektieren gegenseitig, dass jeder eine unabhängige Persönlichkeit mit Fähigkeiten ist, die helfen zur Lösung beizutragen.


Meinung:

„Aber das ist doch selbstverständlich, wenn man nach agilen Prinzipien arbeitet“, höre ich einige einwerfen; andere fragen sich, warum man das aufschreiben sollte, egal ob Wasserfallprojekt oder agiles Projekt. Leider ist es eben nicht selbstverständlich. Denn das sind alles Dinge, die man den Prinzipien, die mit dem Manifesto for Agile Software Development von 2001 formuliert wurden, eventuell erst beim zweiten Hinsehen und Darüber-Nachdenken entnehmen kann (wenn man will).

Wir bei netzkern arbeiten schon lange in agilen Projekten und merken doch: so selbstverständlich ist das alles nicht. Kunden verstehen oder kennen agil anders als wir und selbst innerhalb von netzkern gehen die Meinungen auseinander. Von „agil ist doch nur ein neuer Prozess“ bis „agil geht nicht mit Kunden, die Festpreise für ihre Projekte möchten“ sind viele (auch falsche) Auffassungen auf beiden Seiten vorhanden.

Das agile Manifest und auch der Scrum Guide beinhalten viele Aussagen, deren Interpretation innerhalb eines großen Spielraums erfolgen kann. Das ist Segen und Fluch zugleich: keine Abhängigkeit von Prozessen (das wäre ja "un-agil“) und auf der anderen Seite das beliebige Auslegen der im agilen Manifest und im Scrum Guide beschriebenen Spielregeln – wir können auf beiden Seiten vom Pferd fallen.

Die neu aufgenommenen fünf Werte, die Scrum zugrunde liegen, sind eine hilfreiche und gleichzeitig zuspitzende Ergänzung zu dem, was Scrum ausmacht. Sie helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Menschen, die die agilen Werte leben, stehen im Mittelpunkt beim Erarbeiten von Lösungen! Es ist die Rede davon, dass das erfolgreiche Anwenden von Scrum davon abhängt, dass die Menschen lernen, diese Werte zu leben und sich dabei immer weiterentwickeln – und dass die Organisation den Teams dies ermöglicht.

So kurz der ergänzende Absatz im Scrum Guide auch ist: schnell umgesetzt und schnell komplett verstanden ist er nicht. Denn er erfordert auch von den Ton angebenden Menschen und der Organisation Mut, Offenheit, Respekt, Fokussierung und Selbstverpflichtung, den agil arbeitenden Teams das Erlernen der Werte und das persönliche Wachsen zu ermöglichen.

Wir erwarten von den Mitarbeiten immer bessere, kreativere Lösungen. Wir erwarten, dass sie professionell sind und herausragende Arbeit leisten. Wir erwarten, dass sie komplexe Zusammenhänge verstehen und komplexe Produkte herstellen. Es wird Zeit, dass wir auch erwarten, dass sie sich selbst organisieren und in einem offenen Umfeld noch bessere Leistungen bringen können – ohne viel Überstunden und ungesunden Druck.

Aber wenn, ja, wenn wir diesen Menschen zutrauen, wirklich selbstorganisierte Teams zu bilden und eigenständig professionelle Ergebnisse erarbeiten zu können, dann kommen wir dem Grundgedanken, der 2001 im agilen Manifest formuliert wurde, ein ganzes Stück näher. Das aktuelle Update des Scrum Guides 2016 kann dabei helfen. Und ganz nebenbei: vielleicht würde das zu zufriedeneren Mitarbeitern und besseren Produkten führen.

 


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