World Usability Day: Nachhaltig, sauber, schlank


Am Donnerstag, den 10. November fand der alljährliche World Usability Day (WUD) statt. Dieses Jahr kamen die UX-Professionals bereits zum 10. Mal in Hamburg zusammen, erneut in der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Begrüßt wurden die Gäste in einem Forum bei einem Kaffee und mit einigen Worten zum diesjährigen Thema: Nachhaltigkeit.

Alle Beteiligten sollten an diesem Tag dazu angehalten werden, über Nachhaltigkeit in Bezug auf digitale Themen nachzudenken und zu diskutieren: Ob über Zeit, Personal oder auch umweltbezogen wie bei Strom- und Material-Verbrauch. Gemeinsam sollte überlegt werden, wie die Online-Branche insgesamt nachhaltiger arbeiten kann – in allen Aspekten der Arbeit.

Da der WUD immer so gestaltet ist, dass zwei Slots gleichzeitig laufen, mussten sich nach der Begrüßung die ersten auf den Weg in die Workshops oder zu den Vorträgen begeben.


Workshop „Lean and Clean“

Wir konnten in diesem Jahr am Workshop „Lean and Clean“ teilnehmen. Der Workshop wurde von ergosign gestaltet und geleitet. Nach der obligatorischen Vorstellungsrunde und der Darlegung unserer Erwartungshaltung, führten wir eine Diskussionsrunde über die Erfahrungen von UX in der agilen Arbeitsweise. Im Austausch deutete sich bei den UX-Professionals an, zwar bereits teilweise in den Unternehmen und Agenturen agil zu arbeiten, aber immer wieder vor neuen Hürden zu stehen: Als UXler ist es häufig schwierig, den eigenen Arbeitsauftrag (die Verbesserung der Nutzerführung) im richtigen Augenblick positionieren zu können.

Hier nun setzt auch der Lean-Ansatz an, der als Stütze zur Arbeit der UX-Professionals in Software-Projekten dient. Der Ansatz ist mit Prinzipien gestückt, die nur dann funktionieren, wenn sie durch die Praxis verstanden worden sind. Es ist also ein Ansatz, der praktischer Erfahrungen bedarf, um in seiner Dienlichkeit beurteilt zu werden. In der Regel dient der Lean-Ansatz für Startup-Projekte. Ähnlich wie bei anderen iterativen Ansätzen geht es auch im Lean um Define → Build → Test → Measure → Learn.

In diesem Zyklus geht es dabei darum – und dies ist ein wichtiger Faktor bei Lean -, dass alle Beteiligten alles teilen. Das heißt, dass beispielsweise in einem Projekt, in dem Usability-Tests von erfahrenen Interviewer durchgeführt werden, das Know-How (wie Interviews geführt und dessen Ergebnisse bewertet werden) und die Ergebnisse direkt mit Entwicklern geteilt werden. Dies kann unterschiedliche Ausprägungen haben, z. B. könnten Interviewer den Entwicklern ein Video zur Verfügung stellen, in dem die wichtigsten Aspekte der Test-Probanden angeführt werden. Oder Entwickler können die Interviews remote miterleben. Eine andere Möglichkeit, jedoch aufwändiger zu organisieren, ist die Durchführung von Tests oder Interviews durch Entwickler selbst. Auch das „paring“ eines UXlers mit einem Entwickler während der Umsetzung ist Teil des Lean-Ansatzes.


Fazit zum Workshop

Neben der unterhaltsamen und spielerischen Annäherung, über das Pizza Game die Arbeitsweise mit Kanban zu verstehen, war es sehr angenehm, deutliche Worte zur Projekt- und Methoden-Einschätzung zu hören: Auf einer grünen Wiese ohne Anforderungen und mit einem hohem Maß an Kreativität und Zusammenarbeit kann ein Lean-Ansatz dabei helfen, gemeinsam Anforderungen zu finden und zu spezifizieren. Ist jedoch das Projekt durch Hierarchien und klaren Anforderungen bereits umrahmt, ist ein Lean-Ansatz nicht förderlich. Stattdessen sollte dann auf altbewährte und bekannte Ansätze wie das Wasserfall-Prinzip zurückgegriffen werden – auch aus Rücksicht auf unternehmerische Planbarkeit.

World Usability Day 2016 

Ferner wird im Lean-Ansatz klargestellt, dass weder ein UX-Professional noch ein Entwickler einen „Heldenstatus“ auf die eigene Position haben sollte. Der Lean-Ansatz fokussiert sich auf Kooperation, Kollaboration und Kommunikation und soll auch die klassischen Arbeitsrollen aufweichen. Ob dann womöglich das Gefühl entsteht, dass „am Stuhl gesägt wird“, hing für die Workshop-TeilnehmerInnen auch stark von den Persönlichkeiten in einem „Lean-Teams“ ab.

Der Lean-Ansatz hat in der Tat interessante einzelne Ideen. Aber wie bereits eingangs die Diskussion um agile Arbeitsweise zeigte: So einfach ist die Integration oftmals nicht. Es gibt zu viele Situationen, in denen Scrum, Kanban oder eben auch der Lean-Ansatz nur schwer zu realisieren sind und sich in „nicht-agile Welten“ integrieren lassen. Nichtsdestotrotz gab der Workshop Aufschluss darüber, ob und wie ein Lean-Ansatz infrage kommen kann.


Vorträge am Nachmittag

Die Vorträge waren mit dem Thema Nachhaltigkeit verknüpft, jedoch ließen sich die Themen „Prozesse und Nachhaltigkeit“ sowie „Nachhaltig arbeitende Startups“ schwer auf mehr als eine Arbeitssituation übertragen.

Nach den Vorträgen stand der sogenannte Speakers Corner zur Verfügung. In dem Speakers Corner konnten sich Interessierte aus dem Publikum Fragen mit dem Vortragenden unterhalten und Fragen stellen. Der Nachteil daran war, dass nicht alle aus dem Publikum die Fragen und die Antwort darauf mitverfolgen konnten. Der Vorteil ist sicherlich, dass sich die FragestellerInnen direkter mit den Vortragenden unterhalten konnten, sofern nicht allzu viele interessierte FragestellerInnen sich in den Corner „stürzten“.

Ein Vortrag, der hier noch mal hervorgehoben werden soll, war ein Vortrag zum Thema „Pattern Library“. Hier war schnell die Verbindung zur Nachhaltigkeit hergestellt. In kurzen Abschnitten wurde zügig und verständlich erläutert, welche Erfahrungen mit dem Aufbau einer solchen Library gemacht worden sind:

  • Am Anfang müssen die ersten Ziele der Library selbst klar sein (z. B. wer braucht die Library)
  • Patterns einstellen muss so einfach wie möglich gemacht werden
  • Eine Library braucht eine gute Suche
  • Eine Library braucht zudem Regeln und Definitionen u.a. Design-Prinzipien
  • Zudem sollte auch ein Mehrwert nicht nur für Entwickler geschaffen werden, sondern auch für andere Beteiligte
  • Pattern haben meistens Abhängigkeiten und damit hier der Verweis auf das Atomic Design
  • Hilfreich sind sprechende Namen der Pattern statt kryptischer IDs


Der 10. WUD in Hamburg

Der Tag war inhaltlich und organisatorisch sehr gelungen. Als kleiner Kritikpunkt seien das für die Menschenmenge zu kleine Foyer und die verbesserungswürdige Raum-Ausschilderung erwähnt. Positiv hervorzuheben ist, dass der Tag ein kostenloses Angebot war und es auch bleiben soll. Die Organisatoren konnten für diesen Umstand interessante Speaker und Workshops organisieren und der Austausch unter den BesucherInnen war lebendig und kollegial.

Das Thema Nachhaltigkeit, dass von der User Experience Professionals Association festgelegt worden ist, hat sicherlich auch nachhaltig dazu angeregt, über diese Thematik weiter nachzudenken – nicht nur über ressourcensparende Libraries, sondern auch was unseren CO² Fußabdruck und eine mögliche grüne Software-Entwicklung betrifft.


Links zum World Usability Day


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